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Full text of "Die Sprache der Hethiter"

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Die  Sprache  der  Hethiter 

Akademische  Antrittsvorlesung, 

gehalten  in  Bern,  den  29.  Januar  1921 


von 


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Dr.  A.  Debrunner, 

0.  Professor  für  Klassische  Philologie  und  Indogermanische  Sprachwissenschaft 


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Paul  Haupt 


Akademische  Buchhandlung,  vorm.  Max  Drechse' 
BERN  1921 


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Nicht  nur- das  moderne  Leben  in  all  seiner  bunten  Mannig- 
faltigkeit kennt  ein  ,,Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten", 
auch  die  Erforschung  längst  vergangener  Jahrhunderte  und  Jahr- 
tausende weiß  von  einem  solchen  :  es  ist  der  vordere  Orient. 

Noch  vor  nicht  allzu  vielen  Jahrzehnten  waren  die  Dar- 
steller der  Geschichte  des  alten  Orients  in  der  Hauptsache  darauf 
angewiesen,  die  Nachrichten  des  Alten  Testaments  und  Herodots 
über  jene  Gegenden  wiederzugeben,  zu  kombinieren  und  je  nach 
der  Zeitströmung  oder  der  individuellen  Veranlagung  anzustaunen 
oder  anzuzweifeln.  Erst  die  archäologische  Erschließung  Ägyptens 
und  die  Entzifferung  der  ägyptischen  Schrift  seit  etwa  120  Jahren 
brachte  eine  entscheidende  Wendung,  und  mehrere  Jahrtausende 
der  Geschichte  jenes  alten  Kulturvolkes  am  Nil  rückten  aus  der 
nebelhaften  verschleierten  Ferne  in  greifbare  Nähe.  Bald  ver- 
mochten auch  die  Keilschriftdenkmäler  aus  dem  Zweiströmeland 
ihre  Geheimnisse  nicht  mehr  festzuhalten,  und  vor  den  staunenden 
Augen  der  Forscher  erstanden  in  lebensvoller  Frische  Sprache, 
Geschichte,  Religion  und  Recht  der  semitischen  Babylonier  und 
Assyrer. 

Aber  noch  klaffte  manche  große  Lücke.  Das  Schema  einer 
Geschichte  des  Altertums  lautete  nunmehr:  Ägypter,  Baby- 
lonier, Assyrer,  Israehten,  Meder,  Perser,  Griechen,  Römer, 
eine  Reihe,  die  wegen  der  mannigfaltigen  Beziehungen  der  Glieder 
untereinander  den  Schein  einer  ununterbrochenen  Kette  erweckte. 
Es  gab  aber  namentlich  eine  Stelle,  wo  man  eine  längere  Ge- 
schichte staatlicher  Gebilde  ahnen  konnte  und  voraussetzen  mußte, 
ohne  sich  bestimmtere  Vorstellungen  machen  zu  können :  das 
war  Kleinasien,  abgesehen  von  den  griechischen  Siedlungen  an 
der  Westküste.  Man  wußte  eine  ganze  Anzahl  von  Stammes- 
namen •  Phryger,  Karer,  Myser,  Lyder  usw. ;  man  durfte  auch 
wenigstens    den    Versuch    machen,    den    äußerst   spärlichen    Über- 

1* 


resteii  der  Sprache  einzelner  dieser  Völker  Anhaltspunkte  fi^ir  die 
allergröbste  sprachhche  Einordnung  abzugewinnen.  Ihre 
Staatengeschichte  war  vöHig  dunkel:  östliche  Stämme  bis 
zum  Euphrat  kannte  man  aus  den  Keiischriftdenkmälern  als  zeit- 
weilige Vasallen  Assyriens;  über  das  Lyderreich  im  westlichen 
Kleinasien  begannen  die  ausführlicheren  historischen  Notizen 
eigentlich  erst  mit  seinem  Ende  im  Jahre  546  v.  Chr.,  wo  Krösus 
den  aufstrebenden  Persern  und  ihrem  König  Cyrus  erlag.  Endlich 
ließ  sich  aus  ägyptischen  und  assyrischen  Nachrichten  schließen, 
daß  die  Hethiter  eine  Zeitlang  ein  größeres  Reich  in  Kleinasien 
bildeten.  Aber  alle  die  vereinzelten  Lichtlein  vermochten  in  dem 
Dunkel,  das  über  diesen  Gegenden  und  Zeiten  lag,  nur  gerade 
soweit  schattenhafte  Umrisse  zu  zeigen,  daß  das  Verlangen  nach 
einem  weit  stärkeren  Licht  immer  lebendig  erhalten  wurde. 

Heut^  ist  begründete  Hoffnung  vorhanden,  daß  dieses  Ver- 
langen seiner  Erfüllung  bald  um  einen  beträchtlichen  Schritt  näher 
kommen  wird.  Und  zwar  sind  es  ausgiebige  Funde  in  Boghazköi, 
der  alten  Hauptstadt  des  hethitischen  Großreichs,  einige  Tage- 
reisen östlich  von  Angora,  die  uns  ein  großes  Stück  der  Geschichte 
des    östlichen    Kleinasiens    zu    schenken    versprechen. 

I. 

Der  Name  der  Hethiter  war  von  jeher  bekannt.  Neben 
einer  Reihe  anderer  Völker,  die  die  alten  Israeliten  bei  ihrem 
Eindringen  in  das  gelobte  Land  vorfanden,  erwähnt  das  Alte 
Testament  auch  die  Hethiter:  Chittlm  oder  Söhne  des  Cheth. 
Aufzählungen  wue  „Hethiter,  Amoriter,  Kananiter,  Pheresiter, 
Heviter,  Jebusiter"  (z.  B.  5.  Mose  20,  17)  kehren  häufig  wieder. 
Das  ist  freilich  so  ziemlich  alles,  was  wir  dort  erfahren:  sogar 
über  ihren  Wohnsitz  läßt  sich  aus  dem  Alten  Testament  weiter 
nichts  erschließen,  als  daß  sie  im  nördlichen  Syrien  gedacht  sind. 
Auch  die  versprengten  hethitischen  Söldner  Davids,  wie  z.  B. 
sein  Nachbar  in  Jerusalem,  Uria,  dem  der  König  zum  Tod  in 
der  Schlacht  verhilft,  um  seine  Frau  zu  bekommen,  verraten  uns 
nichts   über   ihr   Volk. 

Es  war  der  Ägyptologie  vorbehalten,  uns  zunächst  weiter  zu 
helfen.  Unter  den  syrisch-palästinensischen  Staatswesen,  gegen 
die  der  Pharao  Thutmosls  III.   in   der  ersten   Hälfte  des  15.  Jhs. 


V.  Chr.  zahlreiche  Feldzüge  unternahm,  um  sich  das  Durchgangs- 
land für  den  Handel  zwischen  Babylonien  und  Ägypten  zu  sichern, 
werden  auch  die  CJieta  genannt;  ihre  Hauptstadt  Kadesch  am  obern 
Orontes  (nördlich  vom  Libanon)  wird  von  Thutmosis  erobert. 
Daß  diese  Cheta  mit  den  Chittim  *des  Alten  Testaments  gleich- 
zusetzen sind,  unterliegt  keinem  Zweifel.  Besonders  anschaulich 
wird  uns  eine  etwas  spätere  Episode  aus  den  Kämpfen  der  Ägypter 
mit  den  Cheta  vorgeführt  i):  Ramses  II.  besiegte  die  Cheta  schon 
im  3.  Jahre  seiner  Regierung,  sah  sich  aber  nach  langen  Kämpfen 
im  21.  Jahre  seiner  Regierung  (um  1290  v.  Chr.)  doch  gezwungen, 
mit  dem  Chetakönig  Chattuschil  einen  Vertrag  und  ein  Bündnis 
zu  schließen;  das  Dokument  davon  ist  in  ägyptischer  Hieroglyphen- 
schrift auf  dem  Tempel  in  Karnak  und  in  etwas  anderer  Fassung 
in  babylonischer  Keilschrift  in  Boghazköi  erhalten.  Das  Bündnis 
wurde  noch  dadurch  befestigt,  daß  Chattuschil  persönlich  seine 
Tochter   zur   Hochzeit   mit   Ramses   nach    Ägypten   brachte. 

Für  die  Zeit  zwischen  Thutmosis  III.  und  Ramses  IL  treten 
ergänzend  die  sog.  Amarna-Briefe  hinzu,  d.  h.  die  in  Tell-el-Amarna 
in  Ägypten  im  \Vinter  1887/88  gefundenen  Tontafeln  mit  Briefen 
babylonischer,  assyrischer  und  anderer  vorderasiatischer  Fürsten 
und  palästinensischer  Vasallen  und  Beamten  an  den  ägyptischen 
Hof;  die  Briefe  sind  fast  alle  in  der  damals,  d.  h.  am  Anfang 
des  14.  Jhs.,  dort  üblichen  Diplomatensprache,  dem  keilschrift- 
lichen Babylonischen,  abgefaßt  und  lassen  erkennen,  daß  die 
Hethiter  auf  dem  besten  Wtege  sind,  das  Erbe  der  zerfallenden 
Oberherrschaft    der   Ägypter   in    Palästina   zu    übernehmen. 

Weitere  Aufklärung  haben  die  babylonisch-assyrischen  Keil- 
schriftdokumente gebracht.  Die  Chatti,  von  deren  Einfällen  nach 
Mesopotamien  hier  viel  berichtet  wird,  waren  leicht  mit  den 
ägyptischen  Cheta  und  den  hebräischen  Chittim  zu  identifizieren. 
Als  Gesamtbild  ergab  sich  aus  all  diesen  Angaben  etwa  folgendes: 
seit  der  Mitte  des  2.  Jahrtausends  stellen  dte  Hethiter  im  nördlichen 
Syrien  eine  starke  Macht  dar,  die  nach  Süden  und  Osten  Aus- 
breitung sucht,  aber  in  wenigen  Jahrhunderten  ihre  Großmacht- 
stellung einbüßt;  die  gewaltige  Völkerwanderung  um  1200  v.Chr., 
von    der    der    Ansturm    der   sog.    „Nordvölker"    gegen    Ägypten 

')  Roeder  7ff,  Otto  223. 


einen  Teil  bildet,  hat  wohl  das  Hethiterreich  erdrückt.  Die  Reste 
finden  in  Karkemisch  am  Euphrat  eine  Zuflucht  und  erleben 
dort  eine  politische  Nachblüte,  bis  sie  etwa  gegen  Ende  des  8. 
Jahrhunderts  den  Assyrern  erliegen.  2) 

Schon  in  den  siebziger  Jahren  tauchten  in  Hamät  am  Orontes, 
später  in  Karkemisch  am  Euphrat,  Inschriften  von  hieroglyphi- 
schemi  Typus  auf.  Sie  waren  nicht  ägyptisch,  aber  man  hatte 
Grund,  sie  den  Hethitern  zuzuschreiben.  3)  Da  sie  aber  der  Lesung 
und  Deutung  hartnäckigsten  Widerstand  entgegensetzten,  konnten 
sie  keine  größere  Tragweite  gewinnen.  Auch  der  neuere  Versuch 
des  Marburger  Orientalisten  Jensen,  die  Sprache  dieser  Hiero- 
glyphen als  eine  Vorstufe  des  Armenischen  und  damit  als  indo- 
germanisch zu  erklären  ^),  wird  allgemein  als  gescheitert  betrachtet. 
Vorsichtiger  geht  der  Engländer  Cowley  in  seinem  Lesungs-  und 
Deutungsversuche  zu  Wege.  ^)  Ob  sein  Weg  zum  Ziel  führt, 
darüber   wird    die   Zukunft    entscheiden    müssen. 

Die  neueste  Epoche  der  Erforschung  der  Hethiter  nimmt 
ihren  Ausgang  von  den  deutschen  Ausgrabungen  in  der  Nähe 
des  heutigen  Boghazköi.  Schon  früh  war  man  darauf  aufmerksam 
geworden,  daß  Denkmäler  desselben  Stils  wie  die  als  hethitisch 
angesehenen  nordsyrischen  auch  im  östlichen  Kleinasien  (im  Taurus- 
gebiet  und  in  Kappadozien)  vorhanden  waren,  und  da  sich  an 
vielen  Orten  diese  Denkmäler  direkt  oder  indirekt  mit  Inschriften 
in  jener  Hieroglyphenschrift  verbunden  zeigten,  so  schloß  man, 
die  Hethiter  seien  auch  im  östlichen  Kleinasien  ansässig  gewesen.  6) 
Es  handelt  sich  um  dieselben  ungeschlachten  Felsmonumente,  von 
denen  Herodot  (II  106)  aus  dem  westlichen  Kleinasien  zwei  er- 
wähnt mit  der  Behauptung,  es  seien  Bilder  des  ägyptischen  Welt- 
eroberers Sesostris.  Die  Fundstellen  in  Kleinasien  wiesen  nament- 
lich auf  die  Ruinen  einer  großen  Stadt  in  der  Nähe  von  Boghazköi. 
Dort  wurde  nun  von  dem  Assyriologen  Hugo  Winckler  und 
dem  Archäologen  Otto  Puchstein  in  den  Jahren  1906  und 
1907  nachgegraben,  und  selten  ist  eine  wissenschaftliche  Vermutung 

'•')  Otto  226f. 

»)  Otto  192f. 

4)  „Hittitcr  und  Armenier"   1898. 

^)  Siehe  das  Literaturverzeichnis. 

«)  Ed.  Meyer  \^2,  696 f. 


so  glänzend  bestätigt  worden :  sie  hatten  die  Hauptstadt  und  die 
Königsburg  des  alten  Hethiterreichs  gefunden.  Sie  sollten  leider 
beide  die  Entdeckerfreude  nicht  lange  genießen ;  bald  raffte  sie  der 
Tod    hinweg. 

Neben  dem  reichen  neuen  archäologischen  Material  förderten 
die  Grabungen  auch'  ein  umfangreiches  Tontafel-Archiv  zu  Tage. 
Es  fanden  sich  darunter  einige  Urkunden  in  babylonisch-assy- 
rischer (oder  wie  man  jetzt  lieber  sagt,  akkadischer)  Sprache  und 
Schrift;  ihre  Lesung  und  Deutung  bot  daher  den  keilschriftkundigen 
Semitisten  keine  ungewöhnlichen  Schwierigkeiten.  Viel  zahlreicher 
aber  (über  20  000)  waren  Täfelchen  in  derselben  Keilschrift,  aber 
in  anderer  Sprache;  offenbar  hatte  man  hier  die  Landessprache, 
das    Hethitische,    vor   sich. 

Die  Ausbeutung  der  Grabungsergebnisse  von  Boghazköi  ist 
noch  weit  im  Rückstand.  Weniges  ist  veröffentlicht^),  wenige 
Gelehrte  haben  Zutritt  zu  den  Materialien  in  Berlin  und  Kon- 
stantinopel gehabt;  der  Krieg  hat  die  wissenschaftliche  Arbeit  er- 
schwert und  verzögert;  der  sog.  Friede  droht  die  weitere  Ver- 
öffentlichung zu  verunmöglichen.  Die  Ergebnisse  der  archäolo- 
gischen Funde,  die  naturgemäß  am  unmittelbarsten  sprechen, 
sind  in  einer  ersten  Zusammenfassung  von  Eduard  Meyer, 
dem  hochverdienten  Verfasser  der  „Geschichte  des  Altertums", 
zugänglich  gemacht  worden  in  einem  Buch  „Reich  und  Kultur 
der  Chetiter",  das  1914  in  Berlin  erschienen  ist.  Allein  das 
archäologische  Interesse  ist  in  der  Allgemeinheit  stark  in  den 
Hintergrund  gedrängt  worden  durch  das  geschichtliche  und  sprach- 
liche, und  da  der  Drang  nach  reicherer  Kenntnis  der  Geschichte 
der  Hethiter  erst  befriedigt  werden  kann,  wenn  die  Dokumente 
der  einheimischen  Sprache  reden,  so  beherrschte  bald  das 
Problem  der  Sprache  der  Hethiter  die  ganze  Öffentlichkeit, 
sobald  aus  einer  Gelehrtenstube  eine  Erklärung  des  Keilschrift- 
hethitischen  in  die  Welt  hinaus  trat.  Hören  wir  etwas  vom  Echo, 
das    diese    Nachricht    im    Blätterwald    hervorrief. 

Jn  den  „Münchener  Neuesten  Nachrichten"  vom  26.  November 
1915  spricht  sich   der  Münchener  Assyriologe  Fritz   Hommel 

'^)  Siehe  Ed.  Meyer  1^2,  696;  dazu  4  Hefte  „Keilschrifttexte  aus  Bo- 
ghazköi". 


8 


folgendermaßen  aus:  „Der  gestrige  Tag  (Mittwoch,  24.  November 
1915)  wird  in  der  Geschichte  der  indogermanischen  Sprach-  und 
Ahcrtumskunde  einen  Markstein  bilden.  An  ihm  gab  Professor  Dr. 
Friedrich  Hrozny  aus  Wien  in  der  Berliner  Vorderasiatischen 
Gesellschaft  die  erste  Zusammenfassung  des  ihm  durch  das  Studium 
des  Archivs  von  Boghazköi  gelungenen  Nachweises,  daß  die  alte 
Sprache  der  Hethiter  ein  neues  indogermanisches  Idiom  ist,  und 
an  dem  gleichen  Tage  wurde  die  ebenfalls  dieser  Entdeckung 
gewidmete  Nummer  der  Mitteilungen  der  Deutschen  Orientgesell- 
schaft ausgegeben."  Und  gegen  den  Schluß  des  Artikels  heißt 
es:  „Über  die  Wichtigkeit  der  Entdeckung  Hroznys  ist  nach  all 
dem  Gesagten  kein  Wort  zu  verlieren;  sie  ist  epochemachend,  wenn 
auch  in  ihrem  Gefolge  ganz  neue  Fragen  und  Probleme  auf- 
tauchen. Kleinasien  wird  dadurch  eines  der  interessantesten  Länder 
der  Welt,  Kleinasien,  auf  das  sich  gerade  jetzt  aufs  neue  aller 
Blicke    richten." 

Ein  Feuilleton  der  ,, Frankfurter  Zeitung"  vom  20.  Januar  1916 
(unterzeichnet  G.)  iiber  ,,Die  Sprache  der  Hettiter"  beginnt  so: 
Die  Nachricht,  daB  es  gelungen  sei,  die  Sprache  der  Hettiter 
zu  enträtseln,  muß  selbst  in  einer  auf  ganz  andere  Interessein 
eingestellten  Zeit  w4e  eine  Sensation  wirken.  Es  muß  die  Phantasie 
seltsam  reizen :  ein  großes  Volk  hat  gelebt,  ein  Weltreich  ge- 
gründet, eignen  Geist  in  eigner  Kultur  entfaltet,  war  andern  Führer 
und  Vorbild,  und  es  ist  dahingegangen,  ohne  Spur,  scheint  es, 
ein  paar  Trümmerstücke,  und  nur  sein  Geist  ist  da,  in  Tausenden 
von  Tafeln,  mit  Schriftzeichen  bedeckt,  und  wir  hätten  seinen 
Geist,  seine  Kultur,  seine  Geschichte,  wenn  wir  diese  Rätselsprache 
zu  deuten,  jene  Rätselschrift  zu  lesen  verstünden.  Und  nicht 
anders  mag  jetzt  die  Kunde  wirken :  wir  verstehen  die  Sprache 
Chettas,  als  einstmals  die  Nachricht,  daß  Champollion  die  Hiero- 
glyphen Ägyptens  gelesen,  oder  daß  Grotefend  die  ersten  Keil- 
schriftzeichen der  Behistun-Inschrift  gedeutet.  Und,  um  das  Sen- 
sationelle der  überraschenden  Kunde  noch  zu  erhöhen,  das  un- 
erwartete Ergebnis:  die  Sprache  ist  eine  Indogermanensprache; 
und  die  scheinbar  unentrinnbare  Konsequenz:  das  Hettiterreich 
das   erste    Indogermanenreich   der   Weltgeschichte. 

Wesentlich  bedenklicher  als  in  der  Tagespresse  lauteten  vielfach 
die  Beurteilungen  .der  Ergebnisse  Hrozny 's    in    den    kritischen 


9 


Zeitschriften  ^).  Namentlich  wurde  man  stutzig,  als  zwei  hervor- 
ragende Kenner  der  indogermanischen  Sprachforschung, 
Christian  Barth  olomae  in  Heidelberg^)  und  Gustav 
H  e  r  b  i  g  in  Rostock  ^ ')  gegen  H  r  o  z  n  y  '  s  Sprachvergleichungen 
energisch  Front  machten.  Heute  ist  die  Besprechung  der  Frage 
zwar  noch  längst  nicht  zum  Abschluß  gekommen ;  aber  die  Wag- 
schale neigt  sich  entschieden  auf  die  Seite  des  indogermanischen 
Charakters  des  Hethitischen.  Doch  ich  will  nicht  vorgreifen  und 
lieber  zunächst  versuchen,  Ihnen  einen  Begriff  davon  zu  geben, 
unter  welchen  Bedingungen  die  Erforschung  der  hethitischen 
Sprache  vor  sich  geht  und  welche  Aussichten  sie  gewährt. 

II. 

Es  ist  sehr  verständlich,  wenn  in  dem  angeführten  Abschnitt 
des  Feuilletons  der  „Frankfurter  Zeitung"  die  Erschließung  der 
hethitischen  Keilschrift  mit  derjenigen  der  ägyptischen  Hieroglyphen 
und  der  altpersischen  Keilschrift  in  Parallele  gesetzt  wird,  und 
dieser  Vergleich  ist  berechtigt,  wenn  er  sich  auf  die  geschichtliche 
Tragweite  bezieht;  er  ist  aber  durchaus  schief,  wenn  er  auf  die 
Umstände  und  Hindernisse  der  Entzifferung  und  Deutung  be- 
zogen   wird. 

Die  Erschließung  der  ägyptischen  Schrift  ging  von  einer  großen 
Steininschrift  aus,  die  1799  bei  Rosette  gefunden  wurde  und  offenbar 
drei  verschiedene  Schriftgattungen  enthielt;  die  eine,  die  griechische, 
war  ohne  weiteres  lesbar  und  verständlich,  die  beiden  andern 
durfte  man  als  Wiederholungen  desselben  Textes  betrachten,  und 
der  Gedanke  lag  nahe,  daß.  wenigstens  die  eine  der  beiden  Fassungen 
die  alte  einheimische  Sprache  der  Ägypter  enthalte,  die  aus  den 
sogenannten  koptischen  Bibeliibersetzungen  und  der  sich  daran 
anschließenden  Literatur  bekannt  war.  Die  Schwierigkeit  der  Ent- 
zifferung lag  darin,  wie  man  jetzt  riäckschauend  leicht  feststellen 
kann,  daß  ein  Schriftsystem,  wie  das  Altägyptische  es  hatte,  nämlich 
eine  eigentümliche  Mischung  von  Bilderschrift  und  Buchstaben- 
schrift, bis  dahin  nicht  bekannt  gewesen  war  und  daß  man  durch 

8)  Vgl.  Otto  200. 

9)  Wochenschritt  für  klassische  Philol.  1916,  67  ff,  262. 
10)  Deutsche  Literatur-Zeitung  1916,  42Hf. 


10 


die  spätgriechische  Schrift  eines  gewissen  Horapollü,  das  die 
Hieroglyphen  als  eine  geheimnisvolle  Symbolschrift  auffaßte,  irre- 
geführt wurde.  Die  Lösung  des  Problems  wurde  schließlich  da- 
durch ermöglicht,  daß  aus  der  Wiedergabe  des  griechischen 
Namens  Ptolemaios  in  den  ägyptischen  Texten  des  Steins  von 
Rosette  der  Lautwert  einiger  Zeichen  festgestellt  werden  konnte. 
Damit  war  um  1820  der  Bann  gebrochen;  nachher  halfen  der 
griechische  Paralleltext  und  das   Koptische  weiter. 

Eine  Parallele  aus  neuerer  Zeit  bietet  die  Entzifferung  ge- 
wisser Inschriften,  die  auf  der  Insel  Zypern  gefunden  wurden. 
Auf  einer  doppelsprachigen  Inschrift,  deren  einer  Text  ein  les- 
bares und  verständliches  Phönizisch  darstellte,  konnte  in  den 
siebziger.  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  von  der  Schrift  des 
andern  Textes  fast  die  Hälfte  der  Zeichen  entziffert  werden; 
Bilinguen  mit  gewöhnlichem  Griechisch  kamen  bestätigend  und 
ergänzend  hinzu,  und  das  Ergebnis  war  überraschend :  die  Sprache 
war   griechisch,    die   Schrift   aber  eine   Silbenschrift. 

In  manchen  wichtigen  Punkten  sind  bei  der  Keilschrift  die 
Bedingungen  und  der  Verlauf  der  Erschließung  ganz  andere  als 
bei  den  ägyptischen  Schriftgattungen.  Auch  hier  war  der  Ausgangs- 
punkt eine  trilingue,  d.  h.  in  drei  verschiedenen  Sprachen  ab- 
gefaßte Inschrift;  nur  waren  leider  alle  drei  Schriftarten  völlig 
unbekannt.  Da  konnte  nur  ein  genialer  Einfall  helfen.  Grote- 
fend  erkannte  1802  in  gewissen  Zeichengruppen  der  einen  Schrift- 
art, die  glücklicherweise  die  einzelnen  Wörter  durch  einen  schräg- 
gestellten Keil  abtrennte,  die  Namen  zweier  bekannter  Könige 
des  alten  Perserreichs;  die  Übertragung  der  so  gewonnenen 
Zeichenwerte  auf  den  übrigen  Text  ergab  einige  30  Jahre  später 
starke  Berührungen  mit  der  Sprache  der  heiligen  Bücher  der 
Zoroastrier,  dem  Avestischen,  und  mit  dem  Mittel-  und  Neu- 
persischen :  ein  neuer  altiranischer  Dialekt,  das  Altpersische,  war 
gefunden.  Es  war  kein  Zufall,  daß  die  Bemühungen  gerade  hier 
Erfolg  hatten :  man  war  an  das  einfachste  der  Keilschriftsysteme 
geraten  (es  war  eine  fast  ganz  systematisch  durchgeführte  Silben- 
schrift). Natürlich  war  nun  auch  der  Schlüssel  für  die  andern 
Schriftarten  der  dreisprachigen  Inschrift  gegeben.  Bald  erwies 
es  sich,  daß  die  dritte  Keilschriftgattung  auch  annähernd  die- 
jenige   zahlreicher    Tonschriften    aus    Babylon    war    und    daß    die 


11 


so  gewonnene  Sprache  der  Babylonier  und  Assyrer  eine  Schwester 
des  Hebräischen  und  Arabischen,  also  eine  semitische  Sprache  war. 

Aber  weitere  Überraschungen  standen  bevor:  aus  der 
Bibliothek  des  assyrischen  Königs  Assurbanipal  (7.  Jh.  v.  Chr.) 
kamen  zahlreiche  lexikalische  und  grammatische  Tafeln  zum  Vor- 
schein ;  da  standen  neben  einander  wie  in  unsern  Wörterbüchern 
zwei  Reihen  von  Wörtern,  jeweilen  das  babylonisch-assyrische  neben 
dem  entsprechenden  Wort  einer  vorher  unbekannten  Sprache; 
es  gab  auch  Texte  in  dieser  Sprache  mit  babylonisch-assy- 
rischer Übersetzung  zwischen  den  Zeilen  und  dann  immer 
mehr  Dokumente  in  dieser  Sprache  allein.  Diese  neue  Sprache 
wird  heute  sumerisch  genannt;  es  ist  die  Sprache,  fijr  die 
wohl  das  Silbensystem,  wie  es  die  babylonische  Keilschrift  be- 
nutzt,   erfunden   w^orden    ist. 

Und  hier  tritt  nun  etwas  Wichtiges  ein,  was  uns  bisher 
in  unserm  Überblick  nicht  begegnet  ist:  Alle  Bemühungen, 
unter  den  bekannten  Sprachen  einen  Verwandten  des  Sume- 
rischen zu  finden,  sind  erfolglos  geblieben,  und  trotzdem, 
ist  das  Sumerische  verständlich.  Das  verdanken 
wir  nicht  nur  den  genannten  Wörterbüchern  und  "Über- 
setzungen, sondern  noch  einem  andern  Umstand,  der  von  dieser 
Seite  betrachtet  ein  Vorteil  ist,  den  sogenannten  Ideogrammen : 
schon  das  Sumerische  konnte  manche  Wörter  statt  durch  die 
nötigen  Silbenzeichen  durch  besondere  Schriftzeichen  wiedergeben, 
die  jew^eilen  nur  den  Sinn  des  betreffenden  Begriffs  darstellen 
sollten,  eine  Gewohnheit,  die  natürlich  aus  der  altern  Bilder- 
schrift herstammt.  Wollten  wir  dieses  Verfahren  in  unserer  Schrift 
anwenden,  so  käme  es  so  heraus:  wir  würden,  statt  h — a — u — s 
zu  schreiben,  mitten  im  geschriebenen  Satz  ein  Haus  zeichnen, 
wie  es  etwa  unsere  Fibeln  tun ;  oder  aber,  wir  würden  dieses  Bild 
so  vereinfachen  und  umgestalten,  daß  man  kein  Haus  mehr  darin 
erkennt,  und  doch  wüßten  alle  Schreibkundigen,  daß  dieses  Schrift- 
gebilde „Haus"  zu  lesen  ist.  Dieses  eigentümliche  Nebenein- 
ander und  Durcheinander  von  Bildschrift  und  Lautschrift  haben 
die  Babylonier  von  den  Sumerern  übernommen  und  zw^ar  ver- 
wenden sie  nicht  nur  neue  Sinnzeichen,  sondern  daneben  auch 
die  sumerischen  Sinnzeichen  und  dazu  noch  lautlich  geschriebene 
sumerische    Wörter.      Es   ist   also,    wie    wenn    ich    immer   ,,Haus" 


12 


lesen  würde,  aber  4  Schreibungen  zur  Verfügung  hätte:  1.  die 
deutsche  Buchstabenschreibung  h — a — u — s,  2.  irgend  ein  im  Deut- 
schen allgemein  übliches  Sinnzeichen,  3.  die  Buchstabenschreibung 
eines  fremdsprachlichen  Wortes  für  Haus,  etwa  des  lateinischen 
d — o — m — u — s,  4.  ein  in  jener  Fremdsprache  übliches  Sinnzeichen. 
Die  Sache  ist  nicht  ganz  so  verrückt,  wie  sie  uns  anmutet;  gibt 
es  doch  vereinzelt  in  modernsten  Kultursprachen  ähnliches:  wir 
schreiben  den  Schnörkel  ^  und  lesen  „Pfennig",  einen  andern 
Schnörkel  (&)  lesen  wir  ,,und",  der  Engländer  schreibt  viz.  (=  lat. 
videlicet)  und  liest  „namely",  er  schreibt  etc.  und  liest  ,,and  so  on"  ; 
wir  schreiben  m  ^  oder  auch  □  m.  und  lesen  ,, Quadratmeter" ;  die 
Mathematik  mit  ihren  Symbolen  für  Integral  und  Differential, 
für  „gleich",  „ähnlich"  und  „kongruent"  usw.  bietet  weitere 
Beispiele.  Nun,  für  das  Sumerische  hat  diese  Unbeholfenbeit 
des  Babylonischen  einen  doppelten  Vorteil :  erstens  ergibt  sich 
für  ein  sumerisches  Laut-  oder  Sinngebilde  oft  seine  Bedeutung, 
wenn  es  in  einem  babylonischen  Satz  gebraucht  wird;  zweitens 
verdanken  wir  dieser  Gewohnheit  die  babylonisch-sumerischen 
Wörterbücher:  je  zahlreicher  die  fremden  Wörter  und  Bilder 
waren,  um  so  notwendiger  war  für  den  babylonischen  Schreiber 
und  Leser  ein  Verzeichnis  und  eine  Übersetzung  davon,  ein 
„Fremdwörterbuch"  nicht  für  die  gesprochene,  aber  für  die  ge- 
schriebene Sprache. 

Wie  dankbar  wir  für  dieses  Hilfsmittel  sein  müssen,  das 
zeigt  uns  ein  bekannter  Fall,  w^o  sie  fehlen :  auch  die  tausende 
von  Sprachdenkmälern  der  alten  Etrusker  können  wir  pracht- 
voll lesen,  da  ihr  Alphabet  aus  dem  griechischen  abgeleitet  ist; 
aber  da  nicht  nur  alle  schon  versuchten  Anknüpfungen  an  andere 
bekannte  Sprachen  bisher  versagt  haben,  sondern  auch  die  un- 
gefähr 30  doppelsprachigen  Inschriften  ganz  kurz  und  nichtssagend 
sind  und  Glossare  fehlen,  ist  man  leider  immer  noch  darauf  an- 
gewiesen, aus  der  Natur  der  mit  Aufschriften  versehenen  Fund- 
gegenstände dürftige  sprachliche  Aufschlüsse  herauszukombinieren. 

Das  Sumerische  ist  nicht  die  einzige  nichtsemitische  Sprache, 
die  uns  durch  die  babylonisch-assyrische  Keilschrift  erschlossen 
worden  ist.  Wie  die  Babylonier  die  Schrift  von  den  Sumerern 
übernommen  haben,  so  haben  sie  sie  an  eine  ganze  Anzahl  anderer 
Völker  weitergegeben:    die   Keilschrift   ist  ,,die   Antiqua   des  alten 


13 


Orients".  Wer  die  lateinische  Schrift  kennt,  kann  auch  Fran- 
zösisch, EngHsch,  Tschechisch,  Polnisch,  Rumänisch  lesen,  nicht 
mit  der  richtigen  Aussprache,  aber  doch  lesen  und  mit  Hilfe  eines 
Wörterbuchs  viele  Wörter  verstehen.  So  ist  es  mit  der  baby- 
lonischen Keilschrift.  Sie  ist  gewandert  nicht  nur  zu  den  Assyrern, 
sondern  auch  zum  Volke  der  Mitanni,  die  im  16.  und  15.  Jh. 
V.  Chr.  in  Mesopotamien  ein  Reich  bildeten  und  deren  Sprache 
aus  den  Amarnabriefen  bekannt  geworden  ist^^);  sie  ist  gewandert 
zu  den  Elamitern  in  Susa,  in  deren  Sprache  die  erste  Über- 
setzung der  altpersischen  Keilinschriften  abgefaßt  ist.  Ja  die  alt- 
persische Keilschrift  selbst  ist  ein  letzter  Ausläufer  der  baby- 
lonischen ;  das  erlaubte  ja  eben  der  Entzifferung,  den  Weg  rück- 
wärts zu  gehen  von  der  vereinfachten  altpersischen  zur  schwierigem 
babylonischen.  Das  Altpersische  hat  im  Sprachenstammbaum  längst 
seinen  sicheren  Platz  gefunden ;  über  die  Einordnung  des  Mitan- 
uischen  und  des  Elamischen  in  die  bekannten  Sprachengruppen 
ist   meines    Wissens   nach    keineswegs    ein    Einverständnis   erzielt. 

III. 

Vielleicht  erwecke 'ich  schon  lange  den  Verdacht,  mein  Thema 
ganz  vergessen  zu  haben.  Dem  ist  nicht  so;  vielmehr  stehen 
wir  schon  mitten  im  Verständnis  der  hethitischen  Schrift,  und 
das  ist  die  erste  unumgängliche  Vorbedingung  für  das  Verständnis 
des  Problems  der  hethitischen  Sprache.  Das  zeigte  sich  mit  aller 
Deutlichkeit  in  den  Urteilen  der  indogermanischen  Sprachforscher 
über  Hroznys  Lösungsversuch.  Hrozny  hat  leider  in  der 
Tat  in  den  Vergleichungen  indogermanischer  Sprachen  höchst 
dilettantisch  gewirtschaftet;  so  konnten  die  Indogermanisten  den 
Verdacht  nicht  los  werden,  auch  seine  Entzifferung  und 
Deutung  der  hethitischen  Texte  sei  mit  ähnlichen  Willkürlich- 
keiten verbunden.  Dieser  Verdacht  kann  nur  durch  einen  Einblick 
in  die  Bedingungen,  unter  denen  der  Entzifferer  von  Keilschrift- 
texten überhaupt  und  von  hethitischen  im  besonderen  arbeitet, 
auf  seine  Berechtigung  geprüft  werden.  Nachdem  wir  uns  die 
Hilfsmittel  der  Keilschriftlesung  im  allgemeinen  klar  zu  machen 
versucht   haben,    haben   wir  nun   den   Weg  frei   zur  Behandlung 


11)  Ed.  Meyer  132,  672. 


14 


der  Frage:  worauf  gründet  sich  die  Erforschung  der  hethi- 
tischen  Keilschrifttexte  und  welchen  Grad  der  Sicherheit  kann 
sie  erreichen?  Erst  nachher  kann  die  Stellung  des  Hethitischen 
zum    Indogermanischen    untersucht   werden. 

Zunächst  sei  daran  erinnert,  daß  die  hethitische  Keilschrift 
mit  der  babylonisch-assyrischen  verwandt  ist,  also  ohne  weiteres 
lesbar  war;  allerdings  liest  sich  ein  Keilschrifttext  nicht  so  glatt 
wie  ein  Text  in  alphabetischer  Schrift;  namentlich  erschwert  die 
Mehrdeutigkeit  mancher  Keilschriftzeichen  die  Lesung;  daher  kommt 
es,  daß  die  deutsche  Umschrift  von  Eigennamen  oft  mit  dem 
Fortschreiten  der  Forschung  oder  mit  der  Person  der  Forscher 
in  einer  Weise  wechselt,  die  dem  Nichteingeweihten  ein  unüber- 
windliches Mißtrauen  einflößt  —  mit  Unrecht;  denn  die  Fälle, 
wo  unter  den  Lesungsmöglichkeiten  nur  eine  sinngemäß,  also 
richtig  ist,  sind  doch  die  Regel.  Mit  den  Keilschriftzeichen  haben 
aber  die  Hethiter  auch  die  Verwendung  von  Ideogrammen  und 
von  lautlich  geschriebenen  Wörtern  der  das  Schriftsystem  liefernden 
Sprache  übernommen.  Die  Tragweite  dieser  Tatsache  will  ich 
zu  veranschaulichen  suchen,  indem  ich  aus  Sprachen,  die  uns 
näher  liegen  als  die  altasiatischen,  ein  ähnliches  Beispiel  künstlich 
herstelle.  Ich  möchte  also  z.  B.  den  deutschen  Satz  ,,Der  Vater 
meines  Freundes  besitzt  4  Häuser"  ungefähr  nach  hethitischer 
Manier  schriftlich  wiedergeben.  Das  würde  etwa  so  herauskommen  : 
pater  meines  cpiXo-j  besitzt  ....  dann  kämen  4  senkrechte  Striche, 
ein  Ideogramm  für  „Haus"  und.  die  lateinische  .Pluralendung  -es. 
Ein  Franzose  oder  Engländer  oder  Russe  z.  B.,  der  vom  Deutschen 
nichts  wüßte,  wohl  aber  Lateinisch  und  Griechisch  könnte  und 
dem  dazu  das  Ideogramm  für  Haus  bekannt  wäre,  der  wäre 
ziemlich  genau  in  der  Lage  des  Semitisten,  der  hethitische  Keil^ 
Schrift  liest:  er  würde  verstehen  ,,der  Vater  des  Freundes"  und 
,,4  Häuser";  ob  er  den  Sinn  der  deutschen  Wörter  ,, meines" 
und  ,, besitzt"  herausbrächte,  das  würde  davon  abhängen,  wieviel 
Kombinationsscharfsinn  er  besitzt,  mehr  aber  davon,  wie  und  wie 
oft  diese  Wörter  in  anderm  Zusammenhang  oder  in  andern  Texten 
vorkämen.  Im  großen  ganzen  aber  wird  sich  der  Inhalt  so  ge- 
schriebener Texte  dem  Verständnis  nicht  allzu  schwer  erschließen, 
solange  es  sich  um  einfach  stilisierte  Aufzeichnungen  etwa  ge- 
schichtlicher Art  handelt,  nicht  etwa  um  Erzeugnisse  einer  Kunst- 


15 


poesie  oder  einer  mehr   oder  weniger  geheimnisvollen   religiösen 
oder  sonstigen    Fachliteratur. 

Der  inhaltlichen  Erschließung  des  Hethitischen  kommt  aber 
noch  ein  weiterer  Umstand  zugute:  Versetzen  wir  uns  in  die 
Lage  eines  hethitischen  Schreibers,  der  außer  der  Bedeutung  der 
zahlreichen  lautlichen  Schriftzeichen  noch  die  einer  ganzen  Anzahl 
von  sumerischen  Ideogrammen,  von  akkadischen  Ideogrammen, 
von  lautlich  ausgeschriebenen  akkadischen  Wörtern  kennen  mußte, 
90  werden  wir  glückliche  und  gewöhnlich  undankbare  Besitzer 
eines  Lautalphäbets  von  nur  zwei  Dutzend  Zeichen  ihn  nicht 
darum  beneiden.  Immerhin  der  Hethiter  vor  3500  Jahren  wußte 
nichts  vom  gehetzten  Leben  eines  modernen  Dampf-,  Elektrizitäts- 
und Stenotypie-Menschen  und  konnte  sich  zum  Schreiben  und 
Lesen  mehr  Zeit  lassen,  und  dabei  leisteten  ihm  Verzeichnisse 
der  fremden  Wörter  mit  danebengesetzten  hethitischen  Ent- 
sprechungen genügende  Dienste.  Auch  hierin  setzen  die  Hethiter 
nur  fort,  was  sie  bei  ihren  Lehrmeistern,  den  Akkadiern,  gefunden 
hatten ;  auch  diese  hatten  für  die  :aus  dem  Sumerischen  über- 
nommenen Wörter  Erklärungen  nötig  gehabt.  Glücklicherweise 
sind  nun  von  solchen  hethitisch-fremdsprachlichen  Wörterbüchern 
einige  brauchbare  Reste  bei  den  Ausgrabungen  zum  Vorschein 
gekommen.  Friedrich  Delitzsch  hat  im  Jahre  1914  in  den 
Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  die  meisten  veröffentlicht. 
Die  Bruchstücke  sind  teils  vierspaltig,  teils  dreispaltig.  Von  den 
vier  Spalten  enthält  die  erste  das  sumerische  Ideogramm,  die 
zweite  dasselbe  in  Lautschrift,  die  dritte  und  vierte  das  sinn- 
entsprechende akkadische  bzw.  hethitische  Wort;  in  den  drei- 
spaltigen Vokabularresten  fehlt  die  zweite,  d.  h.  die  fürs  Hethitische 
unnötige  Spalte.  Eine  ganz  hübsche  Reihe  von  Bedeutungen 
hethitischer  Wörter  haben  uns  diese  Vokabulare  beschert.  Drei 
zusammenhängende  akkadisch-hethitische  Bilinguen  sind  weitere 
erwünschte  Hilfsmittel  i^^. 

IV. 

Also  für  das  inhaltliche  Verständnis  der  hethitischen  Keil- 
schrifttexte eröffnen  sich  die  glänzendsten  Aussichten.  Gilt  dasselbe 
für  die  Erforschung  der  hethitischen  Sprache?     Hier  muß  leider 

12)   Forrer  1029. 


16 


gesagt  werden,  daß  alles,  was  uns  für  den  Inhalt  hilft,  die  Kenntnis 
der  Sprache  erschwert.  Schon  die  Verwendung  der  Keilschrift 
ist  von  diesem  Standpunkt  aus  gesehen  mißlich.  Auf  Zypern 
können  wir  ja  an  den  griechischen  Inschriften  in  Silbenschrift 
mit  Händen  greifen,  wie  eine  Silbenschrift  eine  indogermanische 
Sprache  entstellt:  Wenn  wir  da  geschrieben  finden  ta  po  to  Li  ne, 
so  könnten  wir  unmöglich  wissen,  daß  wir  tdv  xto/.iv  ==  Tr,v  -oXtv 
zu  lesen  haben,  wenn  uns  nicht  sonst  das  Griechische  in  alphabe- 
tischer Schrift  überliefert  wäre.  Das  Silbenbezeichnungssystem  der 
Keilschrift  mag  für  die  sumerische  Sprache,  für  die  es  erfunden 
sein  wird,  nicht  so  ungeschickt  gewesen  sein,  für  semitische  und 
indogermanische  Sprachen  war  sie  gewiß  viel  weniger  geeignet. 
So  gibt  uns  die  keilschriftliche  Schreibung  nur  eine  sehr  unbestimmte 
Vorstellung  von  der  Lautgestalt  der  hethitischen  Wörter.  Beim 
Altpersischen,  wo  ja  auch  eine  indogermanische  Sprache  in  Keil- 
schrift geschrieben  wird,  sind  wir  doch  gegenüber  dem  Hethitischen 
weit  im  Vorsprung  aus  zwei  Gründen :  einmal  haben  die  Perser 
die  Keilschrift  für  ihre  Zwecke  wesentlich  vereinfacht  und  nach 
klaren  Grundsätzen  systematisiert,  während  die  Hethiter  die  Un- 
gleichmäßigkeiten  und  Mehrdeutigkeiten  ihres  Vorbilds  einfach 
übernommen  haben;  zw^eitens  erleichterten  die  schon  bekannten 
nahen  Sprach  verwandten  eine  genaue  lautliche  Festlegung  der  alt- 
persischen Wörter,  eine  Glücksfügung,  die  beim  Hethitischen  völlig 
wegfällt. 

Auch  die  Ideogramme,  die  im  Hethitischen  so  zahlreich  sind, 
stehen  natürlich  dem  Eindringen  in  die  hethitische  Sprache  im 
Weg.  Jedes  Ideogramm  enthält  uns  ein  hethitisches  Wort  vor. 
Allerdings  kommt  uns  hier  die  Inkonsequenz  der  hethitischen 
Schreiber  zu  statten,  indem  ihnen  gelegentlich  für  einen  sonst 
ideographisch  geschriebenen  Begriff  das  hethitische  Wort  ent- 
schlüpft. Aber  gerade  für  die  geläufigsten  Begriffe  bleiben  uns 
die  hethitischen  Wörter  unbekannt,  wenn  wir  sie  zufällig  nur 
im  Ideogramm  haben  und  sie  in  den  Vokabularfragmenten  fehlen. 

Aus  den  dargelegten  Verhältnissen  läßt  sich  ohne  weiteres 
abnehmen,  in  welcher  Hinsicht  die  Aufgabe  der  künftigen  hethi- 
tischen Sprachwissenschaft  am  schwierigsten  sein  wird:  die  Laut- 
lehre des  Hethitischen  wird  nie  den  Grad  der  Genauigkeit  er- 
reichen,  den   sie  etwa   im   Griechischen  oder  im  Sanskrit  erreicht 


17 


hat  —  es  müßte  denn  sein,  daß  unerwarteter  Weise  irgendwo 
lautlich  genauer  geschriebene  hethitische  oder  sprachlich  nahe  ver- 
wandte Texte  ans  Tageslicht  treten.  Sodann  wird  die  Kenntnis 
des  hethitischen  Wortschatzes  beträchtliche  Lücken  aufweisen, 
solange  nicht  z.  B.  weitere  Vokabularfunde  das  gegenwärtige 
Material  vermehren.  Dagegen  war  von  vornherein  die  hethitische 
Formenbildung  ein  sehr  aussichtsreiches  Forschungsgebiet,  aus- 
sichtsreicher, als  die  Häufigkeit  der  Ideogramme  erwarten  läßt, 
und  zwar  infolge  einer  Eigentümlichkeit  der  Schreibung,  über 
die  wir  mit  Recht  den  Kopf  schütteln  :  nicht  nur  an-  das  ideographisch 
sondern  auch  an  das  lautlich  geschriebene  fremde  Wort  kann 
die  Endung  der  eigenen  Sprache  angehängt  werden,  beim  Lesen 
soll  aber  das  Wort  ganz  in  der  eigenen  Sprache  gelesen  werden  ; 
es  ist  also,  wie  wenn  wir  „soror-n^^  schreiben,  aber  ,, Schwestern" 
lesen  würden.  Ein  Lateinkenner,  der  nicht  deutsch  kann,  würde 
daraus  schließen  können,  daß  die  Pluralendung  des  ihm  unbe- 
kannten deutschen  Wortes  für  soror  ein  -n  ist.  Auf  diese  Weise 
erhalten  wir  manche  Auskunft  über  hethitische  Flexionsendungen 
auch  da,  wo  uns  die  hethitischen  Wortstämme  unbekannt  sind; 
aus  dem  fremden  Wort  erfahren  wir  sofort,  ob  die  angehängte 
hethitische   Endung  substantivisch  oder  verbal  ist. 

V. 

Soviel  über  die  Bedingungen  und  Aussichten  der  Erforschung 
der  hethitischen  Sprache.  Was  ist  damit  bisher  erreicht  worden  ? 
Oder,   was   ungefähr  dasselbe  besagt:    Hat  Hrozny   recht? 

Bevor  wir  an  die  Beantwortung  dieser  Frage  gehen  können, 
müssen  wir  den  Begriff  „hethitische  Sprache"  genauer  umschreiben. 
Der  Einfachheit  wegen  habe  ich  bisher  vom  Hethitischen  so  ge- 
sprochen, als  ob  alle  Boghazköitexte  in  derselben  Sprache  ab- 
gefaßt wären.  Aber  schon  vor  einigen  Jahren  hatten  Hrozny 
und  andere  bemerkt  i^),  daß  in  den  Boghazköitafeln  mehrere  ver- 
schiedene Sprachen  vorliegen ;  und  seit  dem  Aufsatz  von  Emil 
Forrer  in  den  Berliner  Sitzungsberichten  von  1919  ist  die  Sache 
auf   einen    soliden    Boden    gestellt. 

•3)  S.  Otto  203f,  Hrozny  W.Z.K.M.  30  (1916/17),  214..  G.  in  der 
„Frankf.  Ztg."  vom  20.  1.  16. 

Debrunuor,  Die  Sprache  der  Hethiter.  2 


l; 


Es  erg'ibt  sich,  daß  zwar  die  weit  ijberwiegende  Masse  der 
Boghazköitexte  in  einer  und  derselben  Sprache  geschrieben  ist, 
eben  der,  die  man  bisher  als  hethitisch  behandelt  hat  und  die 
wohl  als  die  Landessprache  gelten  darf.  Daneben  finden  sich 
einige  wenige  akkadische  Dokumente,  darunter  das  schon  erwähnte 
Exemplar  des  Vertrags  zwischen  Ramses  II.  und  Chattuschil.  Dazu 
kommen  die  sumerischen  Wörter  in  den  Vokabularien.  Über- 
raschenderweise tauchten  auch  einige  arische,  d.  h.  dem  indisch- 
iranischen Sprachzweig  angehörige  Wörter  auf.  Wenn  in  der 
Nähe   von   Zahlzeichen   für  3,    5   und   7   die   Wörter: 

tl-  e  - ra  -  wci  -  ar  -  ta-  an  -  na 

pa  -  an  -  za  -  \va  -  ar  -  ta  -  an  -  na 

schä  -  at  -ta-  \va  -  ar  -  ta  -  an  -  na 
auftreten,  so  muß  jeder,   der  einmal  auch  nur  ganz  wenig  in  das 
Sanskrit     hineingeschaut     hat,     die    altindischen     Zahlwörter     tri-, 
panca-,  sapta-   =   3,    5,   7   erkennen,   und   er  wird   es  für  sicher 
halten,    daß   auch   in 

a-i-ka-wa-  ar  -ta-an-na     und 

na-  a-wa-  wa-  ar  -  ta-  an-  na 
die  altind.  Zahlwörter  eka- ,,t\x\s"  und  /zöii^ß- 9  ,,neun"  enthalten  sind. 
Über  die  Bedeutung  von  -wa-  ar  -ta-  an-na  scheint  noch  keine 
Klarheit  erzielt  zu  sein.  Nach  Forrer  werden  diese  Wörter  in 
den  Fragmenten,  in  denen  sie  vorkommen  (alle  diese  Fragmente 
gehören'  zu  einem  Werk),  als  Termini  der  Pferdezucht  be- 
zeichnet und  zugleich  übersetzt.  Jedenfalls  haben  wir  hier  Lehn- 
wörter vor  uns,  die  das  Hethitische  im  Zusammenhang  mit  einer 
kulturellen  Entlehnung  aus  einer  arischen  Sprache  aufgenommen 
hat. 

Die  andern  vier  Sprachen  verdanken  wir  einer  und  derselben 
Eigentümlichkeit  gewisser  ausführlicher  hethitischer  Festbeschrei- 
bungen; da  heißt  es  mitten  im  hethitischen  Text:  ,,Der  Sänger 
singt  har  - 11  -  II  oder  La  -  d  -  i  -  li  oder  ha  -  at  -  ti  -  li  oder  pa-la- 
um-nl-li,  und  dann  folgt  bisweilen  ein  Stück  in  einer  jedesmal 
wieder  verschiedenen  und  mit  dem  Hethitischen  nicht  übereinstim- 
menden Sprache.  Auf  diese  Weise  konnte  Forrer  vier  Sprachen 
feststellen;  er  nennt  sie  nach  den  Wörtern  har-li-li  usw.,  niit 
denen  sie  offenbar  bezeichnet  werden,  Harrisch  (dieses  erwies 
sich    als   nahe   verwandt    mit   dem    Mitannischcn),    Luvisch,    Proto- 


19 


hattisch  und  Balaisch.  Natürlich  wird  man  diese  neuen  Sprachen 
nach  Heimat  und  Verwandtschaft  genau  untersuchen  müssen.  Auf 
was  für  Überraschungen  wir  uns  dabei  gefaßt  machen  müssen, 
das  läßt  eine  Bemerkung  Forrers  ahnen:  im  Protohattischen 
bedeute  binii  das  „Kind"  (was  wunderbar  semitisch  aussieht), 
aber  lebinii  die  Kinder",  le  ibinu  ,, seine  Kinder",  eine  Bil- 
dungsweise, die  weder  semitisch  noch  indogermanisch  ist. 
Forrers  Ergebnisse  sind  in  erfreulicher  Weise  bestätigt  worden 
durch  die  vor  einem  Jahre  geschriebene,  aber  erst  vor  ganz  kurzer 
Zeit  im  Druck  erschienene  Abhandlung  Hrozny's  ,,Über  die 
Völker  und  Sprachen  des  alten  Chattilandes".  Es  steht  nun  fest, 
daß  die  Boghazköitexte  unter  „Hattisch",  d.  h.  „Hethitisch",  eine 
andere  Sprache  verstehen  als  die  bisher  als  „Hethitisch"  bezeichnete. 
Der  Name  Hethitisch  war  also  falsch  angewendet  und  muß  künftig 
in  Anführungszeichen  geschrieben  oder  gedacht  werden,  bis  der 
wahre  Name  der  Hauptsprache  von  Boghazköi,  in  der  über  Vio 
der  Texte  geschrieben  sind,  festgestellt  ist  —  was  bisher  nicht 
sicher  gelungen  ist.  Möglicherweise  hatte  sie  den  Namen  von 
einer  Stadt  Kanes,  die  F  o  r  re  r  im  westlichen  Kleinasien,  H  r  o  z  n  y  , 
wohl  mit  mehr  Recht,  in  Küikien  sucht.  Die  Bezeichnung  /zö?-« - 
sclii  -li,  die  sich  einmal  dafür  findet,  heißt  wahrscheinlich  ,,in  unsrer 
Sprache",  wie  Hrozny  vermutet;  daraus  würde  folgen,  daß  die 
regierende  Schicht  im  Boghazköireich  —  das  sind  doch  wohl  die 
Träger  der  Hauptsprache  von  _  Boghazköi  —  sich  selbst  nicht 
Chatti   nannte ! 

VI. 

Wir  werden  also  inskünftig  unter  „Hethitisch"  die  Hauptsprache 
von  Boghazköi  verstehen.  Ist  diese  Sprache  indogerma- 
nisch? Bei  der  Festsetzung  der  Zusammengehörigkeit  der  indo- 
germanischen Sprachen  haben  die  Zahlwörter  und  die  Verwandt- 
schaftswörter hervorragende  Dienste  geleistet:  beide  Mittel  versagen 
beim  Hethitischen.  Die  Zahlen  werden  nicht  in  Worten,  sondern 
in  den  keilschriftlichen  Zahlzeichen  ausgedrückt  (Hrozny  I,  92  ff.), 
und  die  Verwandtschaftswörter  werden  durch  Ideogramme  dar- 
gestellt, weil  sie  zu  den  alltäglichsten  Wörtern  gehören ;  z.  B.  wird 
für  „Vater"  das  akkadische  abu,  Gen.  abi,  gebraucht,  von  dem 
uns  ein  Verwandter,  der  neutestamentliche  Gebetsruf  ,,Abba,  lieber 

2* 


20 


Vater",  vertraut  ist;  so  können  wir  leider  die  hübsche  Reihe 
lateinisch  pater  =  griechisch  -aTV;p  =  altindisch  und  altpersisch 
piiä  =  deutsch  ,, Vater"  =  armenisch  hayr  =  altirisch  athir 
nicht  um  das  hethitische  Glied  vermehren;  die  hethitischen  Texte 
sind  sogar  boshaft  genug,  uns  nicht  einmal  die  hethitische  Endung 
an  das  akkadische  Wort  für  ,, Vater"  anzuhängen,  wodurch  wir 
doch  sicher  erfahren  hätten,  ob  das  Hethitische  das  allgemein 
indogermanische   Wort    *p9ter    kannte. 

Das  Versagen  der  Zahlwörter  und  Venvandtschaftswörter 
braucht  uns  aber  nicht  mutlos  zu  machen.  Sie  sind  zwar  die 
handgreiflichsten  beugen  früherer  Sprachgemeinschaft;  aber  sie 
sind  doch  ein  Bestandteil  des  Wortschatzes,  und  der  Wortschatz 
wandert  bekanntlich  am  leichtesten  zu  sprachfremden  Völkern. 
Gerade  in  unsern  Dialekten  sind  einige  der  wichtigsten  Verwandt- 
schaflsformen  fremden  Ursprungs:  Papa,  Mama,  Neveu,  Niece, 
Onkel,  Tante;  gewöhnlich  allerdings  widerstehen  gerade  Zahl- 
und  Verwandtschaftswörter  infolge  ihres  überaus  häufigen  Ge- 
brauchs fremden  Eindringlingen  am  zähesten.  Immerhin  gibt  es 
•zuverlässigere  Führer  beim  Suchen  nach  Sprachverwandtschaft: 
die  Bildung  der  Formen.  Und  damit  sind  wir  am  ent- 
scheidenden Punkt  angelangt:  in  der  Formenbildung  des  Hethi- 
tischen sind  so  zahlreiche  unzweideutig  indogermanische  Züge 
gesichert,  daß  es  unmöglich  ist,  drum  herum  zu  kommen.  Der 
Name  des  Königs  Chattuschil  hat  im  Nominativ  die  Endung  -Isch, 
im  Akkusativ  -in;  das  erinnert  an  lateinisch  turris  tarrim,  griechisch 
'^'A  ö'.v,  lateinisch  ovls  ovem,  usw.  Die  entsprechenden  Formen 
bei  den  «-Stämmen  sind  -usch-un;  von  dem  Adjektivstamm 
i-da-a-lu-  „böse"  kommt  auch  das  endungslose  Neutrum 
i-da-a-Lu  vor,  so  daß  i-da-a-lu-  asch,  -  an,  -  u  eine  genaue  Ent- 
sprechung zum  griechischen  yjoüc;  r^>w  yjoü  oder  altind.  svadiisch,-am, 
-  ü  „süß"  bilden.  Der  gangbarste  substantivische  Stammausgang 
der  indogermanischen  Sprachen  ist  ein  kurzes  -o-;  im  Hethi- 
tischen finden  wir  zahlreiche  Stämme  auf  -^;-(ein  o  scheint  es  im 
Hethitischen  nicht  zu  geben),  z.  B.  von  an-tu-iili-sc}iu-,,,l^^nsc\i, 
Mann"  heißt  der  Nom.  Sg.  an  -tu-  uh  -  sclid  -  asch,  der  Akk.  Sg.  an  - 
tu-uh-schd-an;  wer  denkt  nicht  sofort  an  das  griechische  /.d-(o; 
Xo-fov,  das  lateinische  liortus  liortum  usw.  ?  Jede  einzelne  dieser  Form- 
verglcichungen  wäre  für  sich  allein  nicht  tragkräftig;  aber  je  zahl- 


21 


reicher  die  Ähnlichkeiten  werden,  um  so  mehr  stützen  sie  sich 
gegenseitig;  es  gibt  aber  auch  Einzelheiten,  bei  denen  ein  Zufall 
ausgeschlossen  ist:  ,, Wasser"  heißt  im  Nom.  und  Akk.  wa-  a-tar, 
im  Gen.  d-e-te - na-asch  (etwa  watar  wetenasch  zu  sprechen); 
nun  wissen  wir,  daß  im  Indogermanischen  das  Wort  für  „Wasser", 
wie  einige  andre  Neutra,  gerade  im  Nom. -Akk.  Sg.  ein  /"-Stamm, 
in  den  andern-  Kasus  ein  ^/-Stamm  war;  beide  Stämme  sind  in 
den  germanischen  Sprachen  vertreten,  der  Az-Stamm  im  Gotischen 
wato,  Gen.  watins,  der  /--Stamm  noch  heute  in  unserm  ,, Wasser", 
im    englischen    water. 

Ich  muß  selbstverständlich  darauf  verzichten,  in  derselben  ein- 
gehenden Weise  die  Flexion  der  hethitischen  Pronomina  und  Verba 
durchzugehen,  zumal  natürlich  über  zahlreiche  Einzelheiten  noch 
längst  nicht  eine  genügende  Sicherheit  erreicht  ist.     Nur  auf  das 
Frappanteste    will    ich    noch    kurz    hinweisen :    „ich"    heißt    ugga 
oder  ähnlich,  vgl.  lat.  ego,  ,,wer"  heißt  ka-isch  =  lat.  qais,  ,,was" 
kii-it    =    lat.    quid.      Besonders    schön    stimmen    einige    Verbal- 
endungen,   die    wir   als    indogermanisch    kennen: 
heth.  i-ia-mi'^^)  ,,ich  mache",  vgl.  altind.  yci-mi^^)  ,,ich  gehe", 
„       i-ia-schi  „du  machst",  vgl.  altind.  yä-si  „du  gehst", 
,,       i-ia-zi  ,,er  macht",  vgl.  altind.  yä-tl  „er  geht", 
,,       i-ia-an-zl  ,,sie  machen",  vgl.  altind.  yä-nti  „sie  gehen", 
„       u-i-ia-ad-du   „er  soll    machen",    vgl.    altind.    yä-ta   „er 

soll  gehen", 
„       i-ia-an-du  ,,sie  sollen  machen",  vgl.  altind.  yä-titu  ,,sie 
sollen    gehen". 

VII.. 

Diese  Proben  werden  genügen,  um  klar  zu  machen,  daß 
wir  hier  unzweifelhaft  indogermanisches  Sprachgut  vor  uns  haben. 
Also  wirklich  eine  indogermanische  Sprache  aus  der  Mitte  des 
2.  Jahrtausends  v.  Chr.?  —  die  Schlußfolgerung  scheint  selbst- 
verständlich zu  sein,  und  wer  könnte  dafür  dankbarer  sein  als 
der  Indogermanist,  wenn  ihm  plötzlich  in  Tausenden  von  Do- 
kumenten eine  neue  indogermanische  Sprache  geboten  wird,  auf- 


^*)  Die  Stämme  sind  jedenfalls  nach  Herkunft  und  Bedeutung  verschieden, 
aber  die  Flexion  stimmt  überein. 


22 


gezeichnet  mehrere  Jahrhunderte,  bevor  die  Griechen  und  die 
Inder  schreiben  konnten?  Leider  ist  die  Lösung  nicht  so  glatt, 
wie  man  wünschen  möchte.  Nicht  vergebens  haben  die  Indo- 
germanisten der  Entdeckung  H  r  o  z  n  y  s  stärkstes  Mißtrauen  ent- 
gegengebracht; hätte  das  Hethitische  den  Vorstellungen,  die  man 
sich  von  einer  indogermanischen  Sprache  des  2.  Jahrtausends 
machen  mußte,  einigermaßen  entsprochen,  die  Indogermanisten 
hätten  mit  beiden  Händen  zugegriffen.  Statt  dessen  fand  man 
neben  den  klaren  indogermanischen  Zügen  des  Hethitischen  eine 
solche  Unmenge  gänzlich  fremdartiger  Bestandteile  in  der  Formen- 
bildung und  namentlich  im  Wortschatz,  daß  auch  der  Glaube 
an  die  Indogermanismen  keinen  Fuß  fassen  konnte.  Heute,  wo 
Hroznys  Lesungen  zu  einem  guten  Teil  an  den  publizierten 
Originalen  nachgeprüft  und  im  Ganzen  als  zuverlässig  befunden 
sind,  lautet  die  Frage  nicht  mehr:  ,,Ist  das  Hethitische  indo- 
germanisch oder  nicht?",  sondern:  ,,Wie  stark  ist  der  indoger- 
manische Einschlag  im  Hethitischen?"  und  ,,wie  erklärt  sich  die 
Mischung  von  Indogermanischem  und  Nichtindogermanischem  ?"  ^^) 
Das  Bild,  das  sich  die  Indogermanistik  vom  Urindogermanischen 
und  von  den  ältesten  Zuständen  einer  indogermanischen  Einzel- 
sprachc  erarbeitet  hat,  bleibt  bestehen;  nur  müssen  wir  uns  end- 
gültig von  dem  viel  bekämpften  und  noch  nicht  ganz  über- 
wundenen Vorurteil  losmachen,  als  hätte  jeder  indogermanische 
Stamm  in  jenen  alten  Zeiten  seine  Sprache  in  einsiedlerischer 
Abgeschlossenheit  bewahrt  und  rein  für  sich  weiterentwicl^elt,  als 
seien  Mischsprachen  wie  das  Jiddische  oder  das  Slavoitalienische 
oder  das  Pidgin-English  der  Chinesen  ein  Vorrecht  neuerer  Jahr- 
hunderte. Gerade  die  Funde  in  Boghazköi  haben  uns  aufs  neue 
zu  Gemüte  geführt,  daß  wir  uns  die  sprachliche  Mannigfaltigkeit 
des  alten  vordem  Orients  kaum  bunt  genug  vorstellen  können. 
Der  Erschließung  der  Boghazköitexte  muß  es  zunächst  vorbe- 
halten bleiben,  diese  sprachlichen  Verhältnisse  und  die  zu.  Grunde 

■■''')  Damit  ist  auch  der  norwegische  Assyriologe  Knudtzon  gegen  die 
Zweifler  und  Bcstrciter  (Iid.  Meyer  1^2,  697)  zu  seinem  Recht  gekommen: 
die  zwei  sog.  Arzawa-Briefe,  gefunden  in  Tell-el-Amarna  und  vom  ägyptischen 
König  Amenophis  111.  an  einen  kleinasiatischen  König  gerichtet,  sind,  wie 
Knudtzon  vermutet  hatte,  hethitisch.  Vgl.  Delitzsch  41,  Otto  198, 
Huck,    Class.  Philol.  XV  (1920)  183,  Cowley  41f. 


23 


liegenden  Völkergruppierungen  und  geschichtlichen  Vorgänge  auf- 
zuhellen. Sprachmischung  ;setzt  engste  Berührung  zweier  Sprachen 
voraus,  sei  es  durch  langes  mehr  oder  weniger  friedliches  Neben- 
einanderwohnen der  Sprachträger,  sei  es  durch  Besiegung  eines 
Volkes  durch  ein  andres.  Der  sprachliche  Befund  im  Hethitischen 
legt  die  Vermutung  nahe,  ein  indogermanisches  Volk  habe  von 
einem  andern  den  Großteil  des  Wortschatzes  und  eine  Reihe 
von  Formenbildungselementen  übernommen ;  jedenfalls  ist  die  um- 
gekehrte Möglichkeit,  daß  ein  nichtindogermanisches  Volk  von 
einem  indogermanischen  gerade  vorwiegend  Endungen  entlehnt 
hätte,  äußerst  schwach.  Unmöglich  ist  aus  dem  rein  sprachlichen 
Tatbestand  heraus  zu  entscheiden,  ob  das  beteiligte  indogermanische 
Volk  das  siegreiche  oder  das  unterlegene  war.  Wenn  wir  auch 
gerade  heutzutage  nicht  um  Beispiele  verlegen  sind,  wo  der  Sieger 
seine  Sprache  dem  Besiegten  aufzuzwingen  sucht,  so  liegt  uns 
doch  in  der  Übernahme  des  Lateinischen  durch  die  siegreichen 
Franken  und  Burgunder  in  Frankreich  und  der  Westschweiz  ein 
Gegenbeispiel  zeitlich  und  örtlich  noch  nahe  genug,  um  uns  vor 
einer  voreiligen  Verallgemeinerung,  dieser  Todsünde  aller  Wissen- 
schaft und  aller  menschlichen  Vernunft  und  Gerechtigkeit  über- 
haupt, zu  bewahren.  Es  empfiehlt  sich  also  abzuwarten,  ob  die 
historischen  hethitischen  Texte  die  Entscheidung  bringen.  ^^) 

Eine  brennende  Frage  bleibt  für  den  Indogermanisten  noch 
übrig:  „Wie  ordnen  sich  die  indogermanischen  Bestandteile  des 
Hethitischen  in  die  übrigen  indogermanischen  Sprachen  ein?  Zeigen 
sie  besondere  Beziehungen  zu  einer  der  andern  indogermanischen 
Sprachen  ?"  Die  indogermanischen  Sprachen  teilen  sich  nach  der 
verschiedenen  Behandlung  der  fürs  Urindogermanische  festgestellten 
drei  Reihen  von  ^-Lauten  in  zwei  große  Gruppen,  eine  östliche, 
bestehend  aus  dem  Indisch-Iranischen,  Armenischen,  Baltisch- 
Slavischen  und  Albanesischen,   und  eine  westliche,  bestehend  aus 

16)  Forrer  nimmt  ohne  weiteres  an,  die  siegreichen  Hethiter  seien  Indo- 
germanen  gewesen.  Auch  der  Charakter  der  sog.  hethitischen  Hieroglyphen 
bedarf  weiterer  Untersuchung;  Forrer  S.  1040  glaubt  sie  den  Harri  zu- 
sprechen zu  müssen.  Vgl.  Otto  195 f,  199,  201.  Verfrüht  ist  auch  der  Ver- 
such, die  nicht-indogermanischen  Bestandteile  desHethitischen  an  andere  Sprachen 
anzuknüpfen.  Verbindungen  mit  dem  Lydischen  und  Etruskischen,  wie  sie 
Marstrander  nachzuweisen  sucht  (ähnlich  z.  T.  schon  Hrozny),  wären 
allerdings  verführerisch. 


24 


dern  Griechischen,  Lateinischen,  Germanischen  und  Keltischen.  Das 
Hethitische  Hegt  geographisch  mitten  in  der  östHchen  Gruppe. 
Aber  schon  die  unbezweifelbare  Gleichung  hethitisch  kuisch 
^=  lateinisch  quis  beweist  zur  Genüge,  daß  das  Hethitische  nicht 
zur  östlichen  Gruppe  gehört,  da  diese  durchweg  den  labialen 
Beiklang  der  indogermanischen  ^^/-Laute  verloren  haben.  Dieses 
Ergebnis  war  allerdings  nicht  so  sensationell  wie  man  erwarten 
sollte;  denn  noch  sind  nicht  viel  mehr  als  zehn  Jahre  verflossen, 
seitdem  man  eine  viel  größere  Überraschung  erlebt  hatte:  auch 
die  indogermanische  Sprache  der  ehemaligen  Tocharer  in 
Chinesisch-Turkestan,  von  der  man  bis  1892  keine  Ahnung  gehabt 
hatte,  gehörte,  wie  die  nähere  Untersuchung  zeigte,  nicht  zu  der 
östlichen  Gruppe  der  indogermanischen  Sprachen.  Wenn  ich  recht 
sehe,  ist  es  vorsichtig,  dieser  negativen  Feststellung  über  das 
Hethitische  wie  über  das  Tocharische  die  positive  Behauptung, 
sie  gehörten  der  westlichen  Sprachgruppe  oder  gar  speziell  der 
italisch-keltischen  an,  nicht  folgen  zu  lassen.  Einzelheiten  würden 
hier  zu  weit  führen.  Jedenfalls  möchte  ich  bis  auf  weiteres  die 
Möglichkeit  offen  lassen,  daß  die  beiden  bisher  angenommenen 
indogermanischen  Gruppen  nicht  die  einzigen  waren  und  wir 
vielleicht  einmal  eine  dritte  Gruppe  anfügen  müssen,  die  sich 
durch  eine  von  beiden  abweichende  Behandlung  der  ^-Laute  ab- 
heben  würde. 


Die  neuen  Erkenntnisse  bringen  auch  beim  Hethitischen  neue 
Fragen  mit  sich.  Ich  bin  mir  wohl  bewußt,  daß  mein  Überblick 
recht  viel  Unbefriedigendes  hat  und  daß  zahllose  Probleme  übrig 
bleiben.  Meine  Absicht  war  es  nicht,  eine  der  heute  so  beliebten 
„restlosen  Lösungen"  zu  bieten,  sondern  lediglich  für  mich  und 
vielleicht  auch  für  andre  in  einem  abseits  gelegenen,  aber  nicht 
reizlosen  Gebiet  eine  allgemeine  Orientierung  zu  gewinnen  ^").  Aus 
seinem  eigenen  Fach  gewinnt  der  Indogermanist  diesen  Einblick 
nur  zum  geringsten  Teil;  die  Entzifferung  des  Hethitischen  ist 
vollkommen   Aufgabe   des   keilschriftkundigen    Orientalisten;   auch 

''^)  Gerne  bekenne  ich,  daß  sich  auch  mir  der  Einblick  in  das  Problem 
der  Hethitersprache  nur  durch  die  Freundlichkeit  meines  orientalistischen  Kollegen 
Ungnad  in  Greifswald  erschlossen  hat. 


25 


bei  der  Deutung  der  Texte  kommt  dem  Indogermanisten  nur 
der  Anteil  zu,  der  dem  indogermanischen  Bestandteil  des  Hethi- 
tischen  entspricht.  Und  doch  kann  man  es  ihm  nicht  verargen, 
>xenn  er  sich  die  fiir  ihn  so  seltene  Gelegenheit,  Neuland  zu  be- 
treten,   nicht   entgehen    läßt. 

Die  Lage  der  orientalischen  Sprachwissenschaft  war  schon  früher 
keine  glänzende;  Ausgrabungen  und  Veröffentlichungen  erforderten 
gewaltige  Mittel;  von  den  wenigen  Lehrstiihlen  hatten  wenige 
das  notwendige  Studienmaterial  zur  Verfiigung.  Heute,  wo  die 
Entwertung  des  Geldes,  die  besondere  Verteuerung  des  Buch- 
drucks und  die  politischen  Hindernisse  hinzukommen  und  wo 
der  neue  Reichtum  die  Nachfolge  des  alten  in  der  Förderung 
der  Wissenschaft  noch  nicht  angetreten  hat,  kämpft  die  Orientalistik 
mit  den  schlimmsten  Erschwerungen.  Hoffen  wir,  daß  die  viel- 
versprechenden Knospen  der  Hethitologie  den  Frühlingsreif  über- 
leben und  bald  von  warmer  Maienluft  zu  blühendem  Leben 
erweckt  werden.  Wohl  hat  unsere  Zeit  näherliegende  Aufgaben 
in  Hülle  und  Fülle;  aber  neben  den  Unerbittlichkeiten  der 
Gegenwart,  ja  gerade  i  n  ihnen  hat  das  freie  Spiel  des  Geistes 
seine  Daseinsberechtigung,  auch  wenn  er  ,,nur"  menschliches  Ge- 
schehen  in   vergangenen   Jahrtausenden    erforscht. 


Bibliographischer  Anhang. 

1.    Zusammenfassende  Darstellungen. 

Eduard  Meyer,  Geschichte  des  Altertums.     1.   Band,  2.  Teil. 

3.  Aufl.     Stuttgart  1913. 
Eduard    Meyer,    Reich    und    Kultur    der    Chetiter.     Mit    122 

Abbildungen  im   Text  und  auf  16  Lichtdruck-Tafeln.    Berlin 

1914. 
Otto  Weber,  Umschau  1916,  S.  248  ff. 
Walter   Otto,     Die    Hethiter.      (Histor.    Zeitschrift    117,    1917, 

S.  189  ff.)   Die  beste  allseitige  Zusammenfassung  und  kritische 

Bearbeitung  der  früheren   Ergebnisse. 
Günther  Roeder,  Ägypter  und  Hethiter.    Mit  30  Abbildungen. 

(Der  Alte  Orient.     20.   Jahrg.)     Leipzig  1919. 
A.  E.  Cowley,  The  Hittites.    (Schweich  Lectures  1918.)   London 

1920.     (I.   History.     II.   Race.     Language.     III.   Decipherment 

of   the    Hieroglyphic    Inscriptions.) 
Th.  Kluge  im  Literar.  Zentralbl.  1920,  354 f.,  373 f.  (über  Hrozny, 

Marstrander,   Roeder). 
M.  Sayce,  The  Hittite  Language  of  Boghas  Keri.    (Joum.  Roy. 

As.   Soc.    Januar  1920). 

2.   Textausgaben. 

Keilschrifttexte  aus  Boghazköi,  herausgegeben  von 
Figulla,  Weidner,  O.  Weber  und  Hrozny.  4  Hefte.  Leipzig 
1916—1920. 

3.   Zum    Keilschrifthethitischen. 

J.  A.  K  n  u  d  t  z  o  n  ,  Die  zwei  Arzawa-Briefe.  Die  ältesten  Urkunden 
in    indogermanischer   Sprache.      Leipzig    1902. 

Friedrich  Hrozny  in  den  Mitteilungen  der  Deutschen  Orient- 
gesellschaft Nr.  56  (1915),  S.   17  ff. 


27 


B  0  g  h  a  z  k  ö  i  -  S  t  u  d  i  e  n.     Leipzig. 

I.  Stück  =  1.  und  2.  Heft.  Fr.  H  r  o  z  n  y.  Die  Sprache  der 
Hethiter,  ihr  Bau  und  ihre  Zugehörigkeit  zum  indo- 
germanischen Sprachstamm.  Ein  Entzifferungsversuch. 
1916  und    1917. 

Zu  diesem  Werk  und  dem  vorhergehenden  Aufsatz: 

Chr.    Barth'Olomae    in    der   Wochenschrift  fijr   klass. 
Phiiol.     1916,  67  ff.    262. 

0.  Herbig  in  der  Deutschen  Literaturzeit.   1916,  421  ff. 

M.  L.  Wagner  im  Literaturblatt  für  german.  und  roman. 
Phiiol.     1918,   126  ff. 

O.  Schroeder  in  der  Deutschen  Lit.  Ztg.  1918,  679 ff. 

P.  Jensen  in  der  Theol.  Literaturzeit.  1919,  122  f.  (dazu 
die  Erwiderung  von  Hrozny,  ebenda  S.  186 f.). 

C.  D.  Bück,  Hittite  an  indo-european  language?   (Class. 
Philology,    XV,    1920,    184  ff.    203  f.) 

A.   Mein  et  im   Bulletin    de   la   SoC.    de   Lingu.    Nr.   68 
(1920),  S.   112f. 

IL  Stück  =  3.  Heft.     Fr.  Hrozny,  Hethitische  Keilschrift- 
texte  aus   Boghazköi    in    Umschrift,    mit    Übersetzung 
und  Kommentar.     1918. 
Dazu : 
F.  Bork  in  der  Orientalist.  Lit.  Zeit.  23,  1920,  S.  60. 

IIL  Stück,    1.    Lief.    =    4.    Heft.     Ferdinand    Sommer, 
Hethitisches.     1920. 

IIL  Stück,    2.    Lief.    =    5.    Heft.      Fr.    Hrozny,    Über    die 
Völker  und  Sprachen  des  alten  Chatti-Landes.     Hethi- 
tische  Könige.     1920. 
E.   F.  W  e  i  d  n  e  r ,  Studien   zur  hethitischen  Sprachwissenschaft  I. 
(Leipziger  semitistische  Studien  VII   %).     Leipzig  1917. 
Dazu : 
Br.    Meissner   in    der    Orientalist.    Lit.  Zeit.    20,    1917, 

S.  305  ff. 
O.  Schroeder  in   der  Deutschen  Lit.  Zeit.   1918,  69 ff. 
Carl  J.  S.  Marstrander,  Caractere  indo-europeen  de  la  langue 
hittite    (Videnskapsselskapets   Skrifter.      IL     Hist.-filos.    Klasse 
1918,  Nr.  2).    Christiania  1919. 


28 


P.  Jensen,  Indische  Zahlwörter  in  keilschrifthittitischen  Texten. 
Sitzungsberichte   d.    preuß.    Ak.    d.    Wiss.     1919,   367  ff. 

Emil  Forrer,  Die  8  Sprachen  der  Boghazköi-Inschriften.  Ebenda 
S.  1029  ff. 

4.    Zu    den    Vokabularen. 

Friedrich  Delitzsch,  Sumerisch-Akkadisch-Hettitische  Voka- 
bularfragmente    (Abhandl.    d.    preuß.    Ak.    d.    Wiss.    1914,   3). 

H.  FI  o  1  m  a  ,  Etudes  sur  les  vocabulaires  sumeriens-accadiens-hit- 
tites  de  Delitzsch  (Journ.  de  la  Soc.  finno-ougrienne  33). 
Helsingfors    1916. 

G.  Fi  e  m  p  1 ,  Die  dreisprachigen  Glossen  :  hittitisch,  assyrisch,  su- 
merisch   (Amer.    Journ.    of    Arch.    20,    1916,    S.    88). 

5.  Zu  den   hethitischen  Hieroglyphen. 
P.    Jensen,    Fiittiter   und    Armenier.     Straßburg   1898. 

R.  C.  Thomson,  A  new  decipherment  of  the  Hittite  hieroglyphics. 
R.   C.   Thompson,   A   new  decipherment  of  the   Hittite   hiero- 
glyphics.   Oxford   1913. 

A.    E.   C  0  w  1  e  y  ,   s.   oben   unter   1 . 


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